Die letzten vier Wochen...
abgelegt unter: Mein Leben & ichIch schiebe diesen Eintrag seit einigen Tagen vor mir her, was mich selbst etwas wundert, weil ich es schließlich schon anderen Menschen erzählt oder geschrieben habe. Und es mir sonst ja auch egal ist wer das hier liest... Vielleicht schreckt es mich etwas ab, dass es für diesen Eintrag notwendig ist, die letzten vier Wochen noch mal Revue passieren zu lassen? Wie auch immer, damit ich nicht noch tage- oder wochenlang hin und her überlege ob und wenn ja, wie ich ihn verfasse, mache ich es jetzt einfach mal. Ich versuch mich auch kurz zu halten. Im ureigenen Interesse, denn ich fürchte, wenn ich ins Detail gehe, brechen vielleicht hier in der (scheinbaren) Anonymität die Dämme, die im richtigen Leben bisher noch ganz gut gehalten haben.
Vor vier Wochen, am Mittwoch, 21. November, hat meine 74jährige Mutter einen schweren Herzinfarkt erlitten. Die Ärzte waren drei Stunden damit beschäftigt mit dem Herzkatheter die verschlossenen Gefäße wieder zu öffnen und zwei Stents einzusetzen. Drei Stunden, in denen meine Ungewissheit und die Angst auf dem Flur vor der Intensivstation von Viertelstunde zu Viertelstunde größer wurde. Dann wurde sie auf die Intensivstation gebracht, der Arzt hat uns informiert, was sie gemacht haben und dass sie, wenn alles gut verläuft in 2-3 Tagen auf die Wachstation verlegt wird.
Bevor wir dann allerdings zu ihr ins Zimmer durften, wurde sie schon wieder an uns vorbei geschoben und musste noch mal ins Katheter-Labor. Eine weitere Stunde verging, in der mir - und mir alleine, weil Bruder #3 in der Zeit gerade das Auto endlich von der Straße ins Parkhaus umparkte - einer der Ärzte mitteilte, dass sich die Hauptader wieder geschlossen und sie dadurch einen kardiogenen Schock erlitten hätte. Man könne zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, ob sie das überhaupt überlebt. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr einem eine solche Nachricht den Boden unter den Füßen wegzieht. Zu meiner ersten großen Erleichterung wurde sie dann aber einige Zeit später wieder an uns vorbei auf die Intensivstation geschoben. Laut Arzt lagen ihre Überlebenschancen zu diesem Zeitpunkt bei 40:60.
Schon während der elende Warterei hab ich übrigens gemerkt, dass mein Bedarf an medizinischen Krankenhaus-Dramen für lange Zeit gedeckt sein würde. Und außerdem sind die Leute, die im wahren Leben im Krankenhaus arbeiten, weder so nett noch sehen sie so gut aus wie im SGH :-) Nachdem ich meine Mutter dann an zig Maschinen und intubiert dort habe liegen sehen, war mein Interesse an der medizinischen Seite von Grey's dann doch auch wirklich ziemlich erloschen. Dieser Anblick war das einfach nur schwer erträglich und ich hab dann bei den entsprechenden Szenen der weiteren Grey's Folgen meist sehr schnell einfach durch gespult.
An diesem Mittwoch und am darauffolgenden Donnerstag und eigentlich auch noch am Freitag und Samstag hab ich zwar "funktioniert", das heißt ich hab nicht jammernd im Bett gelegen oder sonst was, aber ich war natürlich dennoch ein nervliches Wrack. Das Krankenhaus hatte meine Handynummer für den Notfall und ich hab mich bei jedem Klingeln (Handy, Telefon, SMS, Türklingel, bestimmte Geräusche im Fernsehen) panisch erschrocken. In den wenigen Momenten in denen ich nicht in meinem Elternhaus (wo Bruder #3 noch immer lebt und auch Bruder #2 und ich in dieser Zeit die meisten Zeit verbracht haben) oder meiner Wohnung war, hatte ich das Handy in der Jackentasche fest umklammert, weil ich solche panische Angst hatte, dass es klingelt.
Der Zustand meiner Mutter blieb dann aber erst mal stabil und um das Herz zu schonen, wurde sie dann fünf Tage beatmet und war dabei zwar nicht im Koma, aber doch im Schlaf und hat nur bedingt auf Ansprache reagiert. Ich hatte allerdings auch immer viel zu große Hemmungen sie direkt anzusprechen, weil ich es ihr eigentlich ersparen wollte, diese hilflose Situation bei klarem Bewusstsein zu erleben. Am Dienstag, 27. November wurde der Beatmungsschlauch entfernt und sie war abends dann auch wirklich wach und ansprechbar. Natürlich noch sehr sehr schwach und so richtig verstanden hatte sie auch noch nicht, was da nun alles mit ihr passiert war.
Am Mittwoch, 28. November (fast auf die Stunde genau eine Woche nach dem Herzinfarkt) klingelt mein Handy dann leider mit der Krankenhaus Nummer im Display. Bei meiner Mutter war starkes Kammerflimmern aufgetreten und sie musste 15 Minuten lang reanimiert werden. Wir wurden gebeten ins Krankenhaus zu kommen um weiteres zu besprechen... Der Boden, der sich unter meinen Füßen gerade wieder etwas stabilisiert hatte, verwandelte sich also erneut in ein großes schwarzes Loch. Im Krankenhaus haben wir dann Näheres erfahren, unter anderem, dass die Ärzte zwischendrin schon überlegt hatten, ob sie die Reanimationsversuche nicht doch beenden sollten. Meine Mutter wurde wieder beatmet und das ganze emotionale Drama ging für uns von vorne los.
Das war dann der Moment, als ich mich dazu entschlossen hab, den katholischen Krankenhaus-Seelsorger zu einer Krankensalbung herbei zu bitten. Meine Mutter ist eine praktizierende katholische Christin und ich war mir einfach sicher, dass ihr das etwas bedeuten würde. Und sie das im schlimmsten Fall auch so gewollt hätte, mit Gottes Segen und so. Auch wenn das alles etwas morbide klingt, aber die Situation war einfach auch nicht ohne... Sogar mich, die ich zwar getauft bin und die auch "irgendwie" an Gott glaubt, aber diesen Glauben nicht wirklich praktiziert, haben diese Ereignisse schon auch verändert. Wenn ich das mal so ungewiss formulieren darf...
Am gleichen Abend war meine Mutter dann zwar noch intubiert, aber schon wieder wach und ansprechbar und hat den Besuch des Pastors dann halt auch wahrgenommen und ich glaube schon, dass ihr das was bedeutet hat. Wir haben bisher darüber noch gar nicht so geredet, fällt mir gerade auf. Aber wir reden über Religion und Glauben generell eher selten, also...
Am Montag, 03. Dezember wurde meine Mutter von der Intensivstation auf die Wachstation verlegt, weil sich ihr Zustand soweit stabilisiert hatte. Das war dann natürlich sehr erfreulich, auch wenn es für sie schon eine große Umstellung war. Auf der Intensivstation gibt es halt doch mehr Personal (und vor allem netteres!) und das war in den ersten Tagen alles nicht so einfach. Und nachdem nun die unmittelbare Lebensgefahr und Sorge um sie etwas kleiner wurde, wurde mir - und ihr selbst natürlich erst recht - bewusst, wie hilflos sie im Moment ist und wie sie sehr sie von der Hilfe des Pflegepersonals angewiesen war. Bei allem! Und das ist natürlich eine äußert unwürdige Situation, wenn man dann noch klar bei Sinnen ist. Aber wir haben es alle versucht positiv zu sehen und die winzig kleinen Fortschritte zu würdigen, die sie jeden Tag gemacht hat. Auch wenn sie noch immer sehr sehr schwach war.
Am Samstag, 08. Dezember, setzen bei ihr dann Darmblutungen ein, deren Quelle trotz mehrere Magen bzw. Darmspiegelungen nicht zu finden war. Sie durfte also tagelang nichts essen oder trinken und wurde am Sonntag, 09. Dezember, sicherheitshalber auch wieder auf die Intensivstation verlegt. Die Ärzte diskutierten ernsthaft, dass sie im schlimmsten Fall - und dann womöglich bald, also noch in der Nacht - operieren und den kompletten Dickdarm entfernen müssten. Und eine solche Operation ist bei einem schwachen und angeschlagen Herzen natürlich immer auch ein großes Risiko. Und der Boden verschwand ein drittes Mal unter meinen Füßen und die Angst vorm Handyklingeln wurde ein drittes Mal wieder sehr sehr groß. Sie wurde dann am Montag mit einer weiteren Darmspiegelung gequält, die noch immer kein Ergebnis brachte, aber da die Blutungen dann doch von alleine gestoppt haben, sollte es alles erst mal weiter beobachtet werden. Bis heute sind sie nicht wieder aufgetreteten, also toitoitoi! Sie blieb dann einige Tage auf der Intensivstation, aber das nur, weil auf der Wachstation erst mal kein Bett frei war :-) und wurde am letzten Wochenende wieder auf die Wachstation verlegt. Und von dort dann gestern, 19. Dezember sogar in ein normales Stationszimmer.
Im Moment geht es ihr gesundheitlich den Umständen entsprechend nicht schlecht, aber sie hat in diesen 4 Wochen Bettlägrigkeit natürlich enorm an Gewicht und Muskelmasse und Kraft verloren und das muss sie sich nun erst mal alles wieder erarbeiten, bevor an eine Reha-Maßnahme zu denken ist. Und trotz der vielen kleinen Fortschritte befindet sie sich seelisch auch gerade in einem kleinen Tief. Krankenhaus-Koller und Weihnachten nicht daheim und und und und... da kommt so viel zusammen und es ist absolut verständlich dass sie deswegen nicht gut drauf ist. Aber irgendwie nimmt mich das gerade fast noch mehr mit als die gesundheitlichen Dramen vorher. Wobei das auch nicht ganz stimmt, denn die Angst um ihr Leben war natürlich vorher doch enorm, aber da konnte ich ihr mit relativ sicherem Gefühl gut zureden, dass das schon alles wieder gut wird. Mit ihrem emotionalen Tief kann ich gerade ein bisschen schlechter umgehen, weiß der Geier warum. Aber irgendwie werden wir - meine Brüder und ich, Freunde und Nachbarn, Verwandte etc - das schon gemeinsam schaffen, das wäre sonst ja auch gelacht, nach der Achterbahn-Fahrt, die wir hinter uns haben...
Ich glaube, ich bin noch immer nicht so wirklich zur Ruhe gekommen. Zumindest hab ich noch immer das Gefühl ziemlich unter Strom zu stehen. Die Angst vorm Handyklingeln ist allerdings nicht mehr so groß und gestern Abend hab ich zum ersten Mal seit vier Wochen gar nicht dran gedacht, es direkt an mein Bett zu legen, sondern es lag nachts - so wie im Normalfall früher auch - einfach irgendwo in der Wohnung. Weil ich gar nicht damit gerechnet habe oder halt gar keine Angst hatte, dass mich mitten in der Nacht jemand mit einer furchtbaren Nachricht aus dem Schlaf klingeln könnte.
Ich hab nun auch eine Weile überlegt, wie oder ob überhaupt ich die Bandbreite von Gefühlen, die ich in den letzten vier Wochen verspürt habe, hier irgendwie in Worte fassen kann. Aber ich glaube, das kann ich gar nicht. Vielleicht will ich es auch nicht :-)? Es waren auf jeden Fall die vier furchtbarsten Wochen meines Lebens und ich hab so eine dunkle Ahnung, dass ich das vielleicht auch erst später so richtig realisieren werde. Im Moment geht's mir eigentlich noch ganz gut, emotional und vor allem auch gesundheitlich. Es ist überhaupt auch ein Wunder, dass mein zentrales Nervensystem noch nicht in Streik getreten ist wegen des - gerade auch psychischen - Stress, denn ich hinter mir hab.
Wegen der Krankenhaus Besuche war ich meist erst gegen 19 oder 20 Uhr zu Hause und war dann auch nicht mehr groß zum Bloggen aufgelegt. Und selbst wenn, war das Bedürfnis über so alltäglichen Kleinkram zu bloggen doch arg reduziert. Ich hab Abende damit verbracht mir im Internet ein solides Laienwissen über Herzinfarkte und alles mögliche anzulesen. Ich hab diverse Freunde, Nachbarn, Verwandte und Bekannte auf dem Laufenden gehalten. Ich hab (wenig erfolgreich) versucht, die Zeit, die ich wartend zu Hause verbringe für mein Studium zu nutzen. Ich hab (erfolgreich) versucht mich mit Safari Deluxe abzulenken. Und dann musste ich zwischendurch noch wichtige lokalpolitische Dinge erledigen, zumindest inhaltlich, denn zum Glück hat mich bei den Terminen immer jemand vertreten. Aber für stundenlange Sitzungen hätte ich wirklich nicht den Kopf frei gehabt.
Ich bin auch so überhaupt nicht in Weihnachtsstimmung. Die Menschenmenge in der Stadt bzw. zwischen den Weihnachtsmarkt-Buden, an denen man zwangsläufig vorbei muss, gehen mir einfach nur tierisch auf den Senkel. Ich wollte zwischendurch mal den Plätzchenback - Aufgabe meiner Mutter zu übernehmen, aber irgendwie hab ich bei all dem Stress dann die Kurve nicht gekriegt. Es gibt also bei uns in diesem Jahr keine Plätzchen. Ich weiß gar nicht, ob wir überhaupt Weihnachtsteller herrichten. Den Baum allerdings schon, darauf hab ich ebenso bestanden, wie auf den Adventskranz. Der zwar von mir gestaltet wirklich armselig aussieht im Vergleich zu denen, die meine Mutter immer gestaltet, aber das musste dann trotzdem sein. Aber Weihnachten ohne sie zu feiern wird trotz allem sehr sehr merkwürdig werden. Und sie wird das im Krankenhaus vermutlich noch viel merkwürdiger und bedrückender empfinden. Aber auch das werden wir irgendwie überstehen. Hoffentlich...
So, das war sie also die lange, versuchsweise sachliche, Erklärung für die zeitweise Stille hier im Blog und für die noch immer eher spärlichen Beiträge...
Vor vier Wochen, am Mittwoch, 21. November, hat meine 74jährige Mutter einen schweren Herzinfarkt erlitten. Die Ärzte waren drei Stunden damit beschäftigt mit dem Herzkatheter die verschlossenen Gefäße wieder zu öffnen und zwei Stents einzusetzen. Drei Stunden, in denen meine Ungewissheit und die Angst auf dem Flur vor der Intensivstation von Viertelstunde zu Viertelstunde größer wurde. Dann wurde sie auf die Intensivstation gebracht, der Arzt hat uns informiert, was sie gemacht haben und dass sie, wenn alles gut verläuft in 2-3 Tagen auf die Wachstation verlegt wird.
Bevor wir dann allerdings zu ihr ins Zimmer durften, wurde sie schon wieder an uns vorbei geschoben und musste noch mal ins Katheter-Labor. Eine weitere Stunde verging, in der mir - und mir alleine, weil Bruder #3 in der Zeit gerade das Auto endlich von der Straße ins Parkhaus umparkte - einer der Ärzte mitteilte, dass sich die Hauptader wieder geschlossen und sie dadurch einen kardiogenen Schock erlitten hätte. Man könne zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, ob sie das überhaupt überlebt. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr einem eine solche Nachricht den Boden unter den Füßen wegzieht. Zu meiner ersten großen Erleichterung wurde sie dann aber einige Zeit später wieder an uns vorbei auf die Intensivstation geschoben. Laut Arzt lagen ihre Überlebenschancen zu diesem Zeitpunkt bei 40:60.
Schon während der elende Warterei hab ich übrigens gemerkt, dass mein Bedarf an medizinischen Krankenhaus-Dramen für lange Zeit gedeckt sein würde. Und außerdem sind die Leute, die im wahren Leben im Krankenhaus arbeiten, weder so nett noch sehen sie so gut aus wie im SGH :-) Nachdem ich meine Mutter dann an zig Maschinen und intubiert dort habe liegen sehen, war mein Interesse an der medizinischen Seite von Grey's dann doch auch wirklich ziemlich erloschen. Dieser Anblick war das einfach nur schwer erträglich und ich hab dann bei den entsprechenden Szenen der weiteren Grey's Folgen meist sehr schnell einfach durch gespult.
An diesem Mittwoch und am darauffolgenden Donnerstag und eigentlich auch noch am Freitag und Samstag hab ich zwar "funktioniert", das heißt ich hab nicht jammernd im Bett gelegen oder sonst was, aber ich war natürlich dennoch ein nervliches Wrack. Das Krankenhaus hatte meine Handynummer für den Notfall und ich hab mich bei jedem Klingeln (Handy, Telefon, SMS, Türklingel, bestimmte Geräusche im Fernsehen) panisch erschrocken. In den wenigen Momenten in denen ich nicht in meinem Elternhaus (wo Bruder #3 noch immer lebt und auch Bruder #2 und ich in dieser Zeit die meisten Zeit verbracht haben) oder meiner Wohnung war, hatte ich das Handy in der Jackentasche fest umklammert, weil ich solche panische Angst hatte, dass es klingelt.
Der Zustand meiner Mutter blieb dann aber erst mal stabil und um das Herz zu schonen, wurde sie dann fünf Tage beatmet und war dabei zwar nicht im Koma, aber doch im Schlaf und hat nur bedingt auf Ansprache reagiert. Ich hatte allerdings auch immer viel zu große Hemmungen sie direkt anzusprechen, weil ich es ihr eigentlich ersparen wollte, diese hilflose Situation bei klarem Bewusstsein zu erleben. Am Dienstag, 27. November wurde der Beatmungsschlauch entfernt und sie war abends dann auch wirklich wach und ansprechbar. Natürlich noch sehr sehr schwach und so richtig verstanden hatte sie auch noch nicht, was da nun alles mit ihr passiert war.
Am Mittwoch, 28. November (fast auf die Stunde genau eine Woche nach dem Herzinfarkt) klingelt mein Handy dann leider mit der Krankenhaus Nummer im Display. Bei meiner Mutter war starkes Kammerflimmern aufgetreten und sie musste 15 Minuten lang reanimiert werden. Wir wurden gebeten ins Krankenhaus zu kommen um weiteres zu besprechen... Der Boden, der sich unter meinen Füßen gerade wieder etwas stabilisiert hatte, verwandelte sich also erneut in ein großes schwarzes Loch. Im Krankenhaus haben wir dann Näheres erfahren, unter anderem, dass die Ärzte zwischendrin schon überlegt hatten, ob sie die Reanimationsversuche nicht doch beenden sollten. Meine Mutter wurde wieder beatmet und das ganze emotionale Drama ging für uns von vorne los.
Das war dann der Moment, als ich mich dazu entschlossen hab, den katholischen Krankenhaus-Seelsorger zu einer Krankensalbung herbei zu bitten. Meine Mutter ist eine praktizierende katholische Christin und ich war mir einfach sicher, dass ihr das etwas bedeuten würde. Und sie das im schlimmsten Fall auch so gewollt hätte, mit Gottes Segen und so. Auch wenn das alles etwas morbide klingt, aber die Situation war einfach auch nicht ohne... Sogar mich, die ich zwar getauft bin und die auch "irgendwie" an Gott glaubt, aber diesen Glauben nicht wirklich praktiziert, haben diese Ereignisse schon auch verändert. Wenn ich das mal so ungewiss formulieren darf...
Am gleichen Abend war meine Mutter dann zwar noch intubiert, aber schon wieder wach und ansprechbar und hat den Besuch des Pastors dann halt auch wahrgenommen und ich glaube schon, dass ihr das was bedeutet hat. Wir haben bisher darüber noch gar nicht so geredet, fällt mir gerade auf. Aber wir reden über Religion und Glauben generell eher selten, also...
Am Montag, 03. Dezember wurde meine Mutter von der Intensivstation auf die Wachstation verlegt, weil sich ihr Zustand soweit stabilisiert hatte. Das war dann natürlich sehr erfreulich, auch wenn es für sie schon eine große Umstellung war. Auf der Intensivstation gibt es halt doch mehr Personal (und vor allem netteres!) und das war in den ersten Tagen alles nicht so einfach. Und nachdem nun die unmittelbare Lebensgefahr und Sorge um sie etwas kleiner wurde, wurde mir - und ihr selbst natürlich erst recht - bewusst, wie hilflos sie im Moment ist und wie sie sehr sie von der Hilfe des Pflegepersonals angewiesen war. Bei allem! Und das ist natürlich eine äußert unwürdige Situation, wenn man dann noch klar bei Sinnen ist. Aber wir haben es alle versucht positiv zu sehen und die winzig kleinen Fortschritte zu würdigen, die sie jeden Tag gemacht hat. Auch wenn sie noch immer sehr sehr schwach war.
Am Samstag, 08. Dezember, setzen bei ihr dann Darmblutungen ein, deren Quelle trotz mehrere Magen bzw. Darmspiegelungen nicht zu finden war. Sie durfte also tagelang nichts essen oder trinken und wurde am Sonntag, 09. Dezember, sicherheitshalber auch wieder auf die Intensivstation verlegt. Die Ärzte diskutierten ernsthaft, dass sie im schlimmsten Fall - und dann womöglich bald, also noch in der Nacht - operieren und den kompletten Dickdarm entfernen müssten. Und eine solche Operation ist bei einem schwachen und angeschlagen Herzen natürlich immer auch ein großes Risiko. Und der Boden verschwand ein drittes Mal unter meinen Füßen und die Angst vorm Handyklingeln wurde ein drittes Mal wieder sehr sehr groß. Sie wurde dann am Montag mit einer weiteren Darmspiegelung gequält, die noch immer kein Ergebnis brachte, aber da die Blutungen dann doch von alleine gestoppt haben, sollte es alles erst mal weiter beobachtet werden. Bis heute sind sie nicht wieder aufgetreteten, also toitoitoi! Sie blieb dann einige Tage auf der Intensivstation, aber das nur, weil auf der Wachstation erst mal kein Bett frei war :-) und wurde am letzten Wochenende wieder auf die Wachstation verlegt. Und von dort dann gestern, 19. Dezember sogar in ein normales Stationszimmer.
Im Moment geht es ihr gesundheitlich den Umständen entsprechend nicht schlecht, aber sie hat in diesen 4 Wochen Bettlägrigkeit natürlich enorm an Gewicht und Muskelmasse und Kraft verloren und das muss sie sich nun erst mal alles wieder erarbeiten, bevor an eine Reha-Maßnahme zu denken ist. Und trotz der vielen kleinen Fortschritte befindet sie sich seelisch auch gerade in einem kleinen Tief. Krankenhaus-Koller und Weihnachten nicht daheim und und und und... da kommt so viel zusammen und es ist absolut verständlich dass sie deswegen nicht gut drauf ist. Aber irgendwie nimmt mich das gerade fast noch mehr mit als die gesundheitlichen Dramen vorher. Wobei das auch nicht ganz stimmt, denn die Angst um ihr Leben war natürlich vorher doch enorm, aber da konnte ich ihr mit relativ sicherem Gefühl gut zureden, dass das schon alles wieder gut wird. Mit ihrem emotionalen Tief kann ich gerade ein bisschen schlechter umgehen, weiß der Geier warum. Aber irgendwie werden wir - meine Brüder und ich, Freunde und Nachbarn, Verwandte etc - das schon gemeinsam schaffen, das wäre sonst ja auch gelacht, nach der Achterbahn-Fahrt, die wir hinter uns haben...
Ich glaube, ich bin noch immer nicht so wirklich zur Ruhe gekommen. Zumindest hab ich noch immer das Gefühl ziemlich unter Strom zu stehen. Die Angst vorm Handyklingeln ist allerdings nicht mehr so groß und gestern Abend hab ich zum ersten Mal seit vier Wochen gar nicht dran gedacht, es direkt an mein Bett zu legen, sondern es lag nachts - so wie im Normalfall früher auch - einfach irgendwo in der Wohnung. Weil ich gar nicht damit gerechnet habe oder halt gar keine Angst hatte, dass mich mitten in der Nacht jemand mit einer furchtbaren Nachricht aus dem Schlaf klingeln könnte.
Ich hab nun auch eine Weile überlegt, wie oder ob überhaupt ich die Bandbreite von Gefühlen, die ich in den letzten vier Wochen verspürt habe, hier irgendwie in Worte fassen kann. Aber ich glaube, das kann ich gar nicht. Vielleicht will ich es auch nicht :-)? Es waren auf jeden Fall die vier furchtbarsten Wochen meines Lebens und ich hab so eine dunkle Ahnung, dass ich das vielleicht auch erst später so richtig realisieren werde. Im Moment geht's mir eigentlich noch ganz gut, emotional und vor allem auch gesundheitlich. Es ist überhaupt auch ein Wunder, dass mein zentrales Nervensystem noch nicht in Streik getreten ist wegen des - gerade auch psychischen - Stress, denn ich hinter mir hab.
Wegen der Krankenhaus Besuche war ich meist erst gegen 19 oder 20 Uhr zu Hause und war dann auch nicht mehr groß zum Bloggen aufgelegt. Und selbst wenn, war das Bedürfnis über so alltäglichen Kleinkram zu bloggen doch arg reduziert. Ich hab Abende damit verbracht mir im Internet ein solides Laienwissen über Herzinfarkte und alles mögliche anzulesen. Ich hab diverse Freunde, Nachbarn, Verwandte und Bekannte auf dem Laufenden gehalten. Ich hab (wenig erfolgreich) versucht, die Zeit, die ich wartend zu Hause verbringe für mein Studium zu nutzen. Ich hab (erfolgreich) versucht mich mit Safari Deluxe abzulenken. Und dann musste ich zwischendurch noch wichtige lokalpolitische Dinge erledigen, zumindest inhaltlich, denn zum Glück hat mich bei den Terminen immer jemand vertreten. Aber für stundenlange Sitzungen hätte ich wirklich nicht den Kopf frei gehabt.
Ich bin auch so überhaupt nicht in Weihnachtsstimmung. Die Menschenmenge in der Stadt bzw. zwischen den Weihnachtsmarkt-Buden, an denen man zwangsläufig vorbei muss, gehen mir einfach nur tierisch auf den Senkel. Ich wollte zwischendurch mal den Plätzchenback - Aufgabe meiner Mutter zu übernehmen, aber irgendwie hab ich bei all dem Stress dann die Kurve nicht gekriegt. Es gibt also bei uns in diesem Jahr keine Plätzchen. Ich weiß gar nicht, ob wir überhaupt Weihnachtsteller herrichten. Den Baum allerdings schon, darauf hab ich ebenso bestanden, wie auf den Adventskranz. Der zwar von mir gestaltet wirklich armselig aussieht im Vergleich zu denen, die meine Mutter immer gestaltet, aber das musste dann trotzdem sein. Aber Weihnachten ohne sie zu feiern wird trotz allem sehr sehr merkwürdig werden. Und sie wird das im Krankenhaus vermutlich noch viel merkwürdiger und bedrückender empfinden. Aber auch das werden wir irgendwie überstehen. Hoffentlich...
So, das war sie also die lange, versuchsweise sachliche, Erklärung für die zeitweise Stille hier im Blog und für die noch immer eher spärlichen Beiträge...
Do, 20.12.07, 21:44 Uhr
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