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1
Jan
2006

"Viel Spaß dabei" - schöner Artikel in der ZEIT

abgelegt unter: Politik & Gesellschaft

In der aktuellen Zeit ist mal wieder ein sehr lesenswerter Artikel, und diesmal sogar online zu lesen

"Viel Spaß dabei"
(Susanne Gaschke in "DIE ZEIT", Nr.1, 29.Dezember 2005)

Untertitel:
Seitdem Angela Merkel ihren Dienst im Kanzleramt angetreten hat, herrscht im Land eine neue Ernsthaftigkeit. Muss das sein?

In dem Artikel geht es unter anderem darum, dass viele von denen, die jahrelang Deutschland (unter rot-grüner Regierung) schlecht geredet haben, nun eine genau gegenteilige Kampagne fahren:

[....] Es ist kein Wunder, dass vor diesem dunkelgrauen Stimmungshintergrund das unernsteste, geschmackloseste Produkt der Krisenbesoffenheit bei praktisch niemandem, den man fragt, gut ankommt: die kindergartenhafte Du-bist-Deutschland-Kampagne, in der die Gewinner der Wissensgesellschaft den Verlierern begütigend mitteilen, manchmal müsse man sich einfach nur ein bisschen mehr anstrengen. Als Tiefpunkt im D-b-D-Fernsehspot wird von vielen das Kind empfunden, das auf die Kamera zurennt und quengelt: "Geh runter von der Bremse!" Wäre es ein Monty-Python-Film, würde das Kind (dessen kleine Darstellerin für den Text selbstverständlich überhaupt nichts kann) in der nächsten Szene von einem Porsche Cayenne überfahren werden, in dem Deutsche-Bank-Manager sitzen. [....]
Und auch einige andere – zur Zeit sehr beliebte - Trend-Worte werden etwas genauer beleuchtet und mögliche bzw. schon vorhandene Folgen thematisiert:

[....] Doch dann setzte sich ein schärferer, kälterer Ton durch, dem die solidarische Wärme als miefig galt: "Leistung" und "Eigenverantwortung" wurden über Nacht zu Leitbegriffen. Dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Doch "Leistung" und "Eigenverantwortung" haben eine Bedeutungskehrseite. Wer nichts oder nicht genug leistet, ist auch weniger wert als die anderen. Wer nicht allein zurechtkommt, dem wird nicht Pech, sondern oft Schmarotzertum unterstellt. Und wer es zum "Leistungsträger" geschafft hat, darf protzen. Die "Popper", Teenager, die plötzlich nicht mehr anders aussehen wollten als ihre Eltern, sondern Freude daran hatten, sich über jene Mitschüler zu erheben, die weder Lacoste- noch Benetton-Pullover trugen, waren die Boten dieser Veränderung.
Wie ist über die deutsche Gleichmacherei, den deutschen Egalitarismus gehöhnt worden! Heute haben wir erste Gelegenheiten, eine Gesellschaft zu besichtigen, die sich ausdifferenziert hat, und plötzlich erscheint (mit einem nervösen Seitenblick auf die Unruhen in Frankreich) der alte egalitäre Konsens als ganz attraktive Idee. Denn dieser Konsens führt ja nicht nur dazu, dass sich die "Unteren" weniger schlecht fühlen – er sorgt auch dafür, dass sie den "Oberen" ihr Glück nicht allzu übel nehmen. Diese Toleranz für Besserverdienende ist allerdings vor allem durch die Protzexzesse der New-Economy-Jahre auf eine harte Probe gestellt worden. Wenn die, die genug Geld haben, sich generell keine demonstrative Bescheidenheit mehr auferlegen, werden diejenigen, die zu wenig Geld haben, irgendwann ihr Missfallen zum Ausdruck bringen. Das ist dann ein Affekt, der sich ausnahmsweise nicht, wie sonst gern in Deutschland, gegen Staat, Obrigkeit und Politik richtet – sondern gegen den Mitbürger. [....]

Darüber sollten manche Leute in diesem Land vielleicht noch mal eine Runde nachdenken.

Last.fm spielt gerade für mich: Hey Montana - Eve 6

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