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24
Mai
2006

Stimmungsmache gegen Lokalpolitiker

abgelegt unter: Volksvertreterin

§ 56: Fraktionen
(1) Fraktionen sind freiwillige Vereinigungen von Mitgliedern des Rates und einer Bezirksvertretung. [....]
(2) Die Fraktionen wirken bei der Willensbildung und Entscheidungsfindung in der Vertretung mit. [....]
(3) Die Gemeinde gewährt den Fraktionen aus Haushaltsmitteln Zuwendungen zu den sächlichen und personellen Aufwendungen für die Geschäftsführung. Die Zuwendungen an die Fraktionen sind in einer besonderen Anlage zum Haushaltsplan darzustellen.

(Quelle: Gemeindeordnung für das Land Nordrhein-Westfalen NRW)

Anders ausgedrückt oder zusätzlich erklärt: Damit eine solche Fraktion die politische Arbeit, für die ihre Mitglieder in den Rat gewählt wurden, auch leisten kann, ist die Einrichtung einer Geschäftstelle sinnvoll. Um von dort den ganzen organisatorischen Kram zu erledigen. Schriftwechsel, Telefonate, Aktenablage, Archiv (manche Ratsunterlagen müssen z.B. mehrere Jahre aufgehoben werden). Diese Büros dienen auch als Versammlungsraum für die öffentlichen und nicht-öffentlichen Fraktionssitzungen, während deren man normalerweise IMMER irgendwas in irgendwelchen Akten nachschauen muss oder in irgendwelchen Dateien auf dem PCoder kurz online geht, um sich eine neue oder alte Vorlage online im Ratsinformationssystem zu besorgen.
Egal wie groß eine (Rats-)Fraktion ist - wobei bei den kleinen Fraktionen eigentlich auch die sachkundigen BürgerInnen in den Ausschüssen dazu gezählt werden müssen -, so ist der organisatorische Aufwand und die notwendige Ausstattung für diese grundlegenden Aufgaben für alle Fraktion erst einmal ungefähr gleich groß. Die Stadtverwaltung kann den Fraktionen im Rathaus Räume für die Geschäftsstelle zur Verfügung stellen oder die Kosten (Miete und Nebenkosten) für externe Büros übernehmen. In meiner Stadt ist es so, dass die Stadt die Kosten für externe Büros übernimmt, weil im Rathaus keine Büroräume frei sind.

Soviel vorab. Nun zur eigentlich Geschichte.

Im kostenlosen Werbe-und Anzeigenblättchen unserer Stadt ist die Titelgeschichte heute: "Ratsparteien mieten ihre Büros auf Kosten der Stadt." Natürlich wird im Artikel selbst dann zwar erklärt, warum das so ist und warum das auch ganz normal ist. Der Tenor des Artikels ist aber dennoch eher kritsch, um es mal objektiv zu formulieren.
Die FDP hat als kleinste Fraktion die teuerste Büroräume angemietet hat, zu deren Miete allerdings die Ortspartei auch wiederum einen Teil besteuert, weil sie die Räumlichkeiten auch nutzt (so läuft das bei uns Grünen auch). Hintergrund der Titel-Geschichte ist wohl vor allem, dass die FDP in ihrem Büro heute eine Schuldenuhr der Stadt präsentiert hat. Nun rechnet der "Chefredakteur" (zur Erinnerung, es ist ein Werbeblättchen) mal dagegen, was die Büroräume der Fraktionen den Steuerzahler kosten.
Insgesamt sind knapp 20.000 € im Haushalt für die fünf Ratsfraktionen veranschlagt. Umgelegt auf die Anzahl der Ratsmandate sind die Kosten der FDP 10x so hoch wie die der SPD. Dass das unter anderem daran liegt, dass die Kosten, die die SPD der Stadt verursacht, wenn sie doch in Sitzungsräumen des Rathauses tagt (was sie sehr oft tut), gar nicht erst mit eingerechnet werden. Da wird nach wie vor nach dem alten Sozen-Motto verfahren: "Unsere Verwaltung, unser Bürgermeister, unser Hausmeister, unser Rathaus." Und es wird auch nicht erwähnt, dass – wie oben erklärt – die Fixkosten einer Fraktion die gleichen sind, egal wieviele Mitglieder eine Fraktion hat.
In dem Artikel wird als Grund für die Notwendigkeit einer Geschäftstelle erwähnt, dass die Geschäftsstelle die politische Willensbildung der Fraktionen unterstützen soll und die Politiker die Möglichkeit haben müssen, sich auch mal "hinter verschlossenen Türen" beraten, wenn nicht-öffentliche Angelegenheiten besprochen werden. Aber kein Wort von der eigentlich Aufgabe einer Geschäftsstelle. (siehe oben).

So weit, so ärgerlich auf der Titelseite eines Blättchens, das im Gegensatz zur Tageszeitung schätzungsweise 80% der Einwohner doch in die Hand nehmen und die Titelseite zwangsläufig lesen und sich nun also mit großer Wahrscheinlichkeit mal wieder in einer "Politiker verschwenden unser Geld" Stimmung bestätigt fühlen. Das alles wäre für mich aber noch kein Grund gewesen das zu bloggen. Ok, vielleicht doch *g*

RICHTIG geärgert habe ich mich über den Kommentar des "Chefredakteurs" zu diesem Thema. Ebenfalls auf der Titelseite. Ich bin jetzt noch – wenn schon nicht mehr auf 180, so doch noch - auf über 100 deswegen.

Wo man sicher sparen kann
Sie haben doch sicher auch schon die Büros der Parteien in der Stadt gesehen? Vielleicht haben Sie sich mal gefragt, wie die das eigentlich bezahlen?
Gar nicht! Denn Miete, Strom und Heizung zahlt die Stadt den Parteien. Also der Steuerzahler. Das gibt’s nicht, denken Sie? Doch: Das ist sogar gesetzlich so vorgeschrieben.
Eine All-inclusive-Regel, die die Stadt jährlich knapp 20.000 Euro kostet. Rechtlich ist das alles völlig in Ordnung. Man kann also insofern weder der FDP noch den anderen Ratsfraktionen einen Vorwurf machen.
Aber man darf doch sicher auch mal nach der Notwendigkeit fragen? Für Partei- und Fraktionstreffen reichen doch wohl auch die Säle der Gaststätten aus. So machen es unzählige Vereine der Stadt auch und auch die FDP findet für ihre zwei Ratsherren sicher ein Plätzchen.

Nach Abtippen dieses Textes bin ich mindestens wieder auf 130. Was ist denn das für eine Vorstellung ?!?!? Wir Lokalpolitiker machen bei unseren Fraktionssitzungen doch kein gemütliches Kaffeekränzchen oder einen Stammtisch oder sonst was. Wir machen dort unsere Arbeit! Mit der uns - und damit meine ich nun alle Parteien - gut 2/3 der Bevölkerung beauftragt hat. Das mag man als Normalbürger vielleicht nicht immer so mitkriegen. Aber es ist Arbeit. Und deswegen finde ich diesen Kommentar und die Vorstellung, dass für der Erfüllung einer solchen Arbeit, das Hinterzimmer einer Kneipe auch ausreicht, eine bodenlose Unverschämtheit.

Ich hoffe mal die Fraktionsvorsitzenden werden dazu in einem gemeinsamen Brief Stellung nehmen. Ansonsten werde ich dazu mal einen Leserbrief schreiben. Als ganz einfache Bürgerin, ohne Angabe meiner Partei. Die wirklich wichtigen Leute in der Stadt können mit meinem Namen eh was anfangen und wissen wo sie mich einordnen müssen :-) Aber das regt mich echt dermaßen auf....!

Kommentare zu diesem Eintrag:

Pottblogger - Do, 25.05.06, 10:05
Hmm... das kennt man ja ansonsten eher von einer Zeitung mit vier großen Buchstaben.

Wobei es da auch andere Finanzierungsmöglichkeiten gibt - bei uns zahlt die Stadt keiner einzigen Fraktion irgendwelche Räume oder so. Es gibt nur eine Partei/Wählergemeinschaft vor Ort (und die heißt nicht CDU, FDP oder UWG...) die eigene Räumlichkeiten hat. Diese werden jedoch nicht von der Stadt bezahlt, sondern von der Partei und von der dazugehörigen, rechtlich aber bekannterweise völlig unabhängigen, Fraktion.
liljan98 - Do, 25.05.06, 23:14
Das verstehe ich jetzt nicht so ganz. Wenn nur die Wählergemeinschaft eigene Räumlichkeiten hat... wo habt IHR denn eure Fraktionsgeschäftstelle? Und wie finanziert ihr die? Bzw die Frage wäre ja noch viel mehr, wie finanzieren die kleinen Fraktionen die, denn dass die SPD vermutlich genug Geld hat um sich Büros anzumieten, glaube ich gerne :-)

Und was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen dem Vorsitzenden und dem Sprecher *g*?
Pottblogger - Sa, 27.05.06, 00:27
Mist... falsch verstanden (von Dir) bzw. falsch geschrieben (von mir).

Das war so gemeint, daß nur eine politische Gruppierung vor Ort einen eigenen Raum hat. Das ist die Gruppierung die mit S anfängt. Und die wird sowohl von der Partei als auch von der Fraktion (freiwillige Spenden) getragen.

Ach ja - die S-Gruppierung (man könnte jetzt auch einfach SPD schreiben *grins*) hat nicht "genug Geld"... eine Partei die jahrzehntelang in der Opposition ist und relativ wenig Mitglieder hat, kann gar nicht viel Geld haben. Wir sind ja leider dahingehend nicht im Pott.

Die restlichen Gruppierungen (vor allem die sogenannte Mehrheitsfraktion) treffen sich immer in einzelnen Gaststätten oder aber privat bei Mitgliedern.

Unterschied Vorsitzender/Sprecher: Sprecher ist in diesem speziellen Fall (den Du wohl meinst *g*) die Kurzform von Pressesprecher. Eigentlich wollte der amtierende Amtsinhaber scherzhafterweise die Bezeichnung "Generalsekretär" für diese Position haben (weil sich das Aufgabenfeld - auch wenn natürlich eine Stadt nicht der Bund ist - ähnelt), aber das klang dann doch etwas zu überkandidelt. Daher lieber Sprecher. Aber der macht halt nicht nur (aber auch) Pressemitteilungen, werkelt an der neuen Internet-Seite (seit Ewigkeiten...), koordiniert/betreut den Wahlkampf mit usw.usf.
liljan98 - Sa, 27.05.06, 00:47
Ok, das mag nun vielleicht auch daran liegen, dass eure Stadt nur 1/3 so groß ist (Einwohnerzahlen etc) wie meine bzw. der Rat und die Fraktionen vielleicht auch entsprechend kleiner. Aber ich kann mir eigentlich Fraktionsarbeit ohne eine festes Büro (als Kontaktadresse, als Archiv für alle die Unterlagen und Versammlungsraum für die Fraktion zu der ja auch die sachkundigen Bürger zählen und somit meist 6-8 Leute bei den Sitzungen sind) gar nicht vorstellen. Also, ich glaube schon, dass es funktioniert, aber es ist doch mühsam. Oder nicht?

Was nun die SPD angeht, hab ich gar nicht ans schwarze Münsterland gedacht, sorry! Bin da am anderen Rand des Ruhrgebiets durch eine jahrzehntelange absolute und seit 1999 immerhin noch große SPD Mehrheit anders "gepolt" :-)

Bei uns sind die Vorsitzenden die Sprecher/innen. Pressearbeit machen wir immer im Team mit unsere Geschäftsführerin. Lustig wie unterschiedlich man so was alles handhaben kann.
Pottblogger - Sa, 27.05.06, 15:19
Ja, das könnte an der Größe liegen. Wobei es vielleicht auch an der "Region" liegt - denn in den ländlicheren Bereichen ist das IMHO meistens nicht so gut ausgestattet wie in den städtischen. Im Kreistag gibt es IMHO auch maximal eine Stelle die bezahlt wird, während z.B. in der gewissen Stadt, in der ich bald wohne, die Mehrheitsfraktion fast ein halbes dutzend Mitarbeiter beschäftigt.

Das man natürlich ohne eine feste Geschäftsstelle weniger gut arbeiten kann ist auch klar - da müssen dann die entsprechenden Fraktionsmitglieder halt ihr eigenes "Archiv" führen.

Bzgl. der unterschiedlichen Handhabung der Ämter: Kommt ja auch drauf an, wie man das handhabt und vor allem was man aus seinem Amt macht. Ich habe schon diverse "stellv. Vors." gesehen, die allesamt sehr unterschiedlich agierten. Von "einmal gewählt, nie mehr gesehen" bis zur wirklich aktiven und engagierten Mitarbeit gab es da viel.

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