Gelesen: Meines Vaters Land (Wibke Bruhns, 2004)
abgelegt unter: MedialesIch hätte nicht gedacht, dass mich diese Geschichte so dermaßen bewegen könnte. Aber sie hat es. Was zum einen daran gelegen haben mag, dass ich ganz gerne autobiografische historische Sachen lese. Und zum anderen sicher auch daran, wie die Autorin Wibke Bruhns es erzählt.
In diesem Buch geht sie auf Spurensuche nach ihrem Vater, den sie nicht kennengelernt hat, weil er als Mitwisser des mißglückten Hitler-Attentats im August 1944 hingerichtet wird. Mit Hilfe von unglaublich umfangreichen Archiven von Tagebüchern, Briefen und sonstigen Unterlagen erzählt sie die Geschichte ihrer Vorfahren und insbesondere die ihrer Eltern. Sie schreibt unglaublich gut, so anschaulich und persönlich, dass man glaubt dabei gewesen zu sein. Aber sie schreibt auch mit einer gewissen Distanz - verständlich nach 60 Jahren - und sie kommentiert das, was sie erfährt und erzählt. Und gerade ihre persönliche Sicht auf die Geschichte macht das Buch so bewegend. Ihr Verständnis, ihr Unverständnis, ihre Sympathie für alle beteiligten Personen, ihre Fassungslosigkeit und ihr Wunsch, gar nicht weiter in der Vergangenheit wühlen zu müssen, weil das, was sie erfährt - Privates und Zeitgeschichtliches - ihr einfach weh tut. Aber wie schreibt sie selbst:
Ich möchte mich jetzt am liebsten verabschieden aus dieser Geschichte, einfach aufhören und sie unvollständig lassen. Ich möchte so tun, als hätte ich es in der Hand, ob sie weitergeht oder nicht. Ich habe es nicht in der Hand, und nirgendwo steht geschrieben, dass ich mich wohlfühlen soll mit dem, was ich erzählen muss. Die anderen, damals, haben es sich auch nicht aussuchen können.
Wirklich ein ganz grandioses Buch. Wunderbar zu lesen, bewegend und definitiv nur zu empfehlen.
So beginnt die Geschichte...
Ich habe ein Foto von meinem Vater gefunden. Es gibt Hunderte - in Alben, Umschlägen, verstreut zwischen Tagebüchern, Zeugnissen, Briefen. Hans Georg als Kind, als ernsthafter Erwachsener, in Uniform im Ersten und Zweiten Weltkrieg, als Ehemann, als Kaufmann, als Vater mit uns Kindern. Dies hier war weggesperrt in einer der Miniaturen, die auf dem Nachttisch meiner Mutter standen.
... und so beginnt Seite 98.
"[....] und ich glaube auch gern, dass sie Dir nichts anderes sagen werden. Aber im neutralen Auslande hört man von estnischen und lettischen Vertretern, dass die meisten Menschen im Land ein autonomes Staatsgebilde wünschten. Also lassen wir die Sache erst mal etwas abklären, denn jetzt kann man nicht urteilen."
Von Abklären ist bei HG nicht die Rede. Die Deutschen etablieren eine Zivilverwaltung, und plötzlich findet sich der junge Mann in einer ähnlichen Rolle wieder wie sein Vater in Grodno.
Musik: Catalyst - Anna Nalick
In diesem Buch geht sie auf Spurensuche nach ihrem Vater, den sie nicht kennengelernt hat, weil er als Mitwisser des mißglückten Hitler-Attentats im August 1944 hingerichtet wird. Mit Hilfe von unglaublich umfangreichen Archiven von Tagebüchern, Briefen und sonstigen Unterlagen erzählt sie die Geschichte ihrer Vorfahren und insbesondere die ihrer Eltern. Sie schreibt unglaublich gut, so anschaulich und persönlich, dass man glaubt dabei gewesen zu sein. Aber sie schreibt auch mit einer gewissen Distanz - verständlich nach 60 Jahren - und sie kommentiert das, was sie erfährt und erzählt. Und gerade ihre persönliche Sicht auf die Geschichte macht das Buch so bewegend. Ihr Verständnis, ihr Unverständnis, ihre Sympathie für alle beteiligten Personen, ihre Fassungslosigkeit und ihr Wunsch, gar nicht weiter in der Vergangenheit wühlen zu müssen, weil das, was sie erfährt - Privates und Zeitgeschichtliches - ihr einfach weh tut. Aber wie schreibt sie selbst:
Ich möchte mich jetzt am liebsten verabschieden aus dieser Geschichte, einfach aufhören und sie unvollständig lassen. Ich möchte so tun, als hätte ich es in der Hand, ob sie weitergeht oder nicht. Ich habe es nicht in der Hand, und nirgendwo steht geschrieben, dass ich mich wohlfühlen soll mit dem, was ich erzählen muss. Die anderen, damals, haben es sich auch nicht aussuchen können.
Wirklich ein ganz grandioses Buch. Wunderbar zu lesen, bewegend und definitiv nur zu empfehlen.
So beginnt die Geschichte...
Ich habe ein Foto von meinem Vater gefunden. Es gibt Hunderte - in Alben, Umschlägen, verstreut zwischen Tagebüchern, Zeugnissen, Briefen. Hans Georg als Kind, als ernsthafter Erwachsener, in Uniform im Ersten und Zweiten Weltkrieg, als Ehemann, als Kaufmann, als Vater mit uns Kindern. Dies hier war weggesperrt in einer der Miniaturen, die auf dem Nachttisch meiner Mutter standen.
... und so beginnt Seite 98.
"[....] und ich glaube auch gern, dass sie Dir nichts anderes sagen werden. Aber im neutralen Auslande hört man von estnischen und lettischen Vertretern, dass die meisten Menschen im Land ein autonomes Staatsgebilde wünschten. Also lassen wir die Sache erst mal etwas abklären, denn jetzt kann man nicht urteilen."
Von Abklären ist bei HG nicht die Rede. Die Deutschen etablieren eine Zivilverwaltung, und plötzlich findet sich der junge Mann in einer ähnlichen Rolle wieder wie sein Vater in Grodno.
Musik: Catalyst - Anna Nalick
Fr, 28.07.06, 19:25 Uhr
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