/>
[>>]

15
Aug
2006

Gelesen: Die Schleife an Stalins Bart (Erika Riemann, 2002)

abgelegt unter: Mediales

Die Autobiografie einer Frau, die 1945 als 14jährige in der russisch besetzten Zone einen wirklich harmlosen Streich spielt, indem sie auf einem Stalin-Portät mit Lippenstift eine Schleife an den Bart malt. Kurz darauf wird sie verhaftet und tritt eine achtjährige Odyssee an durch Gefängnis-Lager und Gefängnisse der frühen DDR. Wenn man es als Roman lesen würde, würde man sagen, das was ihr passiert ist, kann nicht wahr sein, aber leider ist es nun mal so passiert. Und das was sie dort erlebt, was ihr angetan wird und was sie durchleben und durchleiden muss, ist wirklich grausam, scheußlich und unfassbar. Eindeutig nichts für schwache Nerven, aber dennoch lesenwert um sich mal wieder dran zu erinnern, zu was die Menschheit fähig ist. Hier in unserem Land vor nur knapp 50 Jahren. Wenn man näher drüber nachdenkt, wird einem echt nur noch schlecht.
So beginnt die Geschichte...

Manchmal denke ich mir Gemeinheiten aus. Ich könnte die Trockenhaube so heiß stellen, dass sie Brandblasen auf den Ohren bekommen, oder eine Mixtur anrühren, von der garantiert die Haare ausfallen. Wie ich diese alte Schachteln verabscheue, deren erwartungsvollen Blicken ich Nachmittag für Nachmittag im Spiegel begegne. Die meisten sind noch keine vierzig, aber ich bin vierzehn, und für mich sind sie alt.
Die Frau vor mir hat zum Glück ihre Konversationsversuche schon vor einer Weile eingestellt. Mechanisch graben sich meine Hände durch das lange Haar. Immer wieder wandert mein Blick durch das Schaufenster hinaus auf eine kleine Straße mit den Fachwerkhäusern. Im Licht der Nachmittagssonne wirken die Menschen dort draußen beinahe glücklich.

...und so beginnt Seite 98.

[....] Aber mein Aufatmen ist verfrüht. Nach wenigen Schritten stehen wir vor dem nächsten Berg, und im Hintergrund sehe ich einen dritten aufragen.
Der Brillenberg glitzert wie ein Diamant in der Sonne. Kleine Lichtreflexe tanzen über uns und die Baracken hinweg.
Ich würde gerne etwas fragen, aber die Stille, die nur durch vereinzeltes Schluchzen unterbrochen wird, lässt jedes Wort im Hals stecken bleiben.

Kommentare zu diesem Eintrag:

Trackback URL:
http://liljan98.twoday.net/stories/2531988/modTrackback