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23
Aug
2006

Gelesen: Berlin - New York (Alexander Osang, 2006)

abgelegt unter: Mediales

Bei den meisten Texten in Zeitungen oder Zeitschriften merke ich mir gar nicht unbedingt, wer der Autor ist, auch wenn mir der jeweilige Text gut gefällt. Keine Ahnung warum, das so ist. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Alexander Osang ist eine Ausnahme. Seinen Namen hab ich mir gemerkt, als ich Anfang 2003 - kurz vor dem Irak-Krieg - sein Porträt über Rumsfeld gelesen habe.Der Text war an sich schon ziemlich genial, wunderbare Beobachtungen und einfach klasse formuliert. Ich kann gar nicht so genau sagen, was mich an seinem Schreibstil so beeindruckt (hat), aber mir gefällt es einfach. Ich weiß auch noch genau, welche Formulierung mich dann endgültig wirklich hingerissen hat. Das Ende des folgenden Absatzes.

Rumsfeld ist kein Gotteskrieger, er arbeitet gern, er hasst Stillstand. Ehemalige Untergebene erzählen, dass er Leute entließ, weil sie ihm nicht schnell genug zur Sache kamen. Jetzt ist er Verteidigungsminister. Also will er auch schießen. Vielleicht ist das alles.
Wie auch immer, ich hab also Osangs Artikel schon immer sehr gerne gelesen und nachdem seine Erzählungen "Lunkenbergs Fest" auch sehr gute Kritiken bekommen hat, ebenso wie einige andere seiner Romane oder Bücher vorher auch schon, war ich fest entschlossen auch mal anderes - nicht tagespolitisches - zu lesen. Den Anfang gemacht hab ich dann - sicherheitshalber *g* - mit den gesammelten wöchentlichen Kolumnen, die er in seinen 5 Jahren in New York für die Berliner Zeitung geschrieben hat.
Und was soll ich sagen? Gut! Einfach nur gut! Wie oben schon gesagt: wunderbar beobachtet, klasse formuliert. Wer z.B. Brysons "Note From a Big Country" gemocht hat, wird auch an "Berlin - New York" seine Freude haben.
Es sind einfach wirklich nette, lustige, nachdenkliche und manchmal auch sehr rührende Alltags-Geschichten über das doch ganz andere Leben in den USA aber auch darüber wie verändert man seine Heimatstadt Berlin bei kurzen Besuchen dann wahrnimmt. Bei der Kolumne zum 11. September hab ich fast geheult und bei der Kolumne über typische Eltern in New York nur gelacht. Einfach nur gut!

Es ist mir dann aber doch ein bisschen peinlich, dass ich erst nach gut einem Drittel der Kolumnen gemerkt habe, was es mit den Überschriften auf sich hat. Das mir, ausgerechnet mir, das nicht vorher aufgefallen ist *kopfschüttel* Und der Leser hier darf jetzt rätseln was es mit den Überschriften dort auf sich hat ;-)
So beginnt die erste Geschichte...

Ich sitze in meiner leeren Berliner Wohnung und muss mich entscheiden, was in Deutschland bleibt und was mich nach Amerika begleitet. Die Packer warten. Braucht man den Großen Aral Europaatlas in New York? Ich hätte ihn hier gelassen, meine Frau hat ihn erst mal eingepackt. Ich könnte ihn heimlich wieder auspacken, aber ich traue mich nicht.
Vor meinem Fenster wird die britische Botschaft fertig. Fünf Jahre lang hat uns der Baustellenlärm gequält, und jetzt, wo sie endlich fertig sind, ziehen wir weg. Ein Freund von uns übernimmt die Wohnung, er ist nach einigen Jahren in die Stadt zurückgekehrt. Immer wenn ich ihn sehe, denke ich, dass er schlau ist und ich doof. Alle ziehen nach Berlin. Braucht man Erich Schmitts Tierparkskizzen in New York? Brauche ich das Buch überhaupt? Habe ich es jemals gebraucht? Ich weiß es nicht.

...und so beginnt Seite 98.

[...] um sieben. Ich könnte zum Frühstücksbuffet gehen, habe aber keinen Hunger. Der kommt später, wenn die Schrippen hart sind.
Anfang der Woche saß ich mit ein paar Freunden in einem Restaurant in der Kulturbrauerei. Kurz vor zwölf leerte sich die Gaststätte, als habe ein Zapfenstreich stattgefunden, den ich überhört habe. Irgendeine Art Hochfrequenzzapfenstreich, den nur Schäferhunde hören und Berliner. Alle mussten ins Bett. Die Kellner sprühten die Tische mit Desinfektionsmittel ab. Wir tranken unser letztes Glas praktisch im Waschraum.

Musik: In The Rough - Anna Nalick

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