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20
Aug
2005

Ansichten eines potenziellen Finanziministers

abgelegt unter: Politik & Gesellschaft

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts soll ein Mann mit diesen Ansichten in unserem Land Finanzminister werden. HILFE!

Vor drei Jahren etwa definierte er "Familienglück" so: "Die Mutter macht in ihrer Familie Karriere, die nicht Macht, sondern Freundschaft verheißt, nicht Geld, sondern Glück bringt." Der Vater hingegen, so schrieb Kirchhof weiter, "findet seine Identität, wenn er die ökonomischen Grundlagen der Familie beschafft und die Kinder in ihrer Zugehörigkeit zu Familie, Staat, marktwirtschaftlicher Ordnung, Kulturgemeinschaft und Kirche erzieht". Der Vater sichere den "familiären Konsens" mit "natürlicher Autorität". Über Alleinerziehende urteilte er: "Sollte eine Mutter als Alleinerziehende einen eigenständigen Weg suchen, der sie deutlicher in das Erwerbsleben drängt, erreicht sie weder für sich noch für ihr Kind familiäre Normalität." Kinder wüchsen "am besten in der Geborgenheit von zwei Eltern auf. Das ist das Modell unseres Grundgesetzes, der Normalmaßstab." Gleichberechtigung "ohne oder gegen das Kind muss misslingen", urteilte er. Die "Sinngebung des Lebens durch das eigene Kind", warnte Kirchhof in einem Vortrag, werde zunehmend geschwächt.

Gefunden via 117 Gründe... in der Frankfurter Rundschau.

Kommentare zu diesem Eintrag:

wvs_at_re-actio.com - Sa, 20.08.05, 03:22
Was ist eine richtige Familie?
Die Frau ist die Regierung,
der Mann ist das Volk
und die Kinder sind die Opposition.
[Unbekannt]


Das Schicksal des Staates hängt vom Zustand der Familie ab.
[Alexandre Rodolphe Vinet (1767-1847), schweizer. ev. Theologe u. Literaturhistoriker]


Unsere Gesellschaft leidet darunter, daß niemand mehr Verantwortung für sich und Andere übernehmen will - und kann! "Patchwork"-Familien, Scheidungswaisen mit frühem Trauma, verarmte Kinder in Single-Alleinerziehenden-Strukturen .... jeder will nur noch sich selbst im Zentrum sehen!

Familie - egal wie sie organisiert ist - bildet einen Rückhalt und ruhenden Pol, dorthin können die Kinder kommen, egal wie schlimm das sein mag, was sie vielleicht "ausgefressen" haben .... und Vinet, der ja sein Zitat vor gut einhundertundsechzig Jahren schrieb, hat damit schon damals etwas ausgedrückt, das alle Zeiten übersteht:
Ohne Familie geht es nicht!

Was nun das Rollenverständnis angeht, kann man aus meiner Sicht getrost Mann gegen Frau oder Frau gegen Mann in der Aussage von ganz oben tauschen - der "Kern" ist doch:
Eltern kümmern sich um Einkommen und häusliche Geborgenheit, in denen Kinder sicher und geborgen aufwachsen können .... und soweit das ein "Elter" alleine auch leistet, ist die Aussage von Kirchof nicht im Kern falsch, sondern - pauschal betrachtet - richtig.

Dazu paßt prächtig eines Ihrer eigenen Zitate:
If we open a quarrel between the past and the present,
we shall find that we have lost the future.
[Winston Churchill]
liljan98 - Sa, 20.08.05, 10:45
Dass Familien das notwendiges Gerüst unserer Gesellschaft sind, darüber sind wir uns sicher einig. Mich stört aber gerade Kirchhofs überholtes Rollenverständnis, das Sie aber ja gott Sei Dank wohl nicht so ganz teilen. Denn wie Sie selbst sagen "Familie, egal wie sie organisiert ist.

Ich glaube nicht, dass Kinder von berufstätigen Eltern oder Alleinerziehenden generell "schlechter" aufwachsen als es Kinder in Familien mit dem klassischen Rollenverständnis aufwachsen. Bzw. wenn sie es tun, und als Kinder von Alleinerziehenden z.B. einem größeren Armutsrisiko ausgesetzt sind, liegt das nicht daran, dass sie mit nur ein Elternteil aufwachsen, sondern an den äußeren Umständen (fehlende Kinderbetreuuung etc) die es den Eltern dann nicht ermöglicht Vollzeit zu arbeiten und vieles mehr. Und das hat in meinen Augen alles nichts damit zu tun, dass man "sich selbst im Zentrum" sieht.

Wenn Kirchhof sich darum kümmern möchte, dass Familien (und Familie ist in meinen Augen dort wo Kinder sind, egal in welcher Form dieser Familie organisiert ist) im Steuerrecht besser gestellt werden: Wunderbar. Wenn er es aber nur für die in seinen Augen "Norm" Familie (berufstätige Vater, Hausfrau und Mutter) macht, wie es ja auch in dem Artikel zum Teil befürchtet wird, dann fände ich das sehr bedenklich. Das ist nämlich dann weit an der Realität vorbei. Man mag bedauern wollen, dass die klassische Familie ein Auslaufmodell ist, aber als Politiker sollte man sein Handeln doch vor allem an den realen Gegebenheiten orientieren. Und ich hoffe, dass wird auch so passieren...
Morgaine - Sa, 20.08.05, 10:50
Dieses Kern- und Keimzellenmodell Familie ist in der Wirklichkeit ein fragiles und - wenn überhaupt - nur temporär erfolgreiches Modell. Die Gemeinschaft von Vater-Mutter-Kinder funktioniert nur solange, wie jeder der Beteiligten die ihm auferlegte Rolle spielt. Was aber passiert, wenn eine Rolle wegfällt? Wenn der Vater geht, die Mutter geht, die Kinder gehen? Wenn jemand stirbt? Das Konstrukt bricht zusammen und hinterlässt einen emotionalen Scherbenhaufen. Sehr böse formuliert: Wieviele Witwen verschimmeln in ihren Wohnungen, weil keiner mehr an ihnen knabbert, oder ihre Dienste als Sorgende in Anspruch nehmen will. Wieviel Einsamkeit bedeutet das für die nun funktionslos Gewordenen, und was ist der Ausweg aus dieser Einsamkeit? Der Seniorennachmittag bei der Arbeiterwohlfahrt, dann das Pflegeheim?

Nun denken wir uns jeden der oben genannten Akteure in einer anderen Konstellation: Einer Gemeinschaft, die nicht auf dieser engen Rollenführung baut, in der jede und jeder die vielen Facetten in sich leben kann, ohne dass die Gemeinschaft droht, auseinanderzubrechen. Die Frau in dieser Gemeinschaft ist mal Mutter, mal Freundin, mal sich selbst neu Schaffende in einem Kokon, mal Geliebte ... Die Kinder erleben die Erwachsenen in ihrer Vielheit, es ist immer jemand da, der sich um sie kümmert, selbst wenn der eigene Vater oder die Mutter gerade Zeit für sich selbst braucht oder nicht anwesend ist. Ein weiterer, sehr wichtiger Aspekt: Die finanzielle Sorge verteilt sich auf mehr Schultern.

In welcher Gemeinschaft möchten wir lieber leben?
Webcat72 - Sa, 20.08.05, 11:16
@Morgaine. Danke, so schön hätte ich das jetzt nicht sagen können. Die Kleinfamilie allein ist oft überfordert. Das ist meine Meinung. Nur wenn man die Verantwortung auf breitere Basis stellt, können Kinder wirklich behütet und gut und stabil aufwachsen, dazu gehören neben und mit den Eltern Großeltern, Freunde der Familie, Nachbarn, wer auch immer. Und genau wegen dieses Kirchhoffsche und vieler anderer Mutter-Mythos fühlen sich viele Frauen schon von vorne herein so überfordert, dass sie das mit den Kindern lieber gleich lassen. Das finde ich traurig, kann es aber verstehen. Hätte ich diesen "Alleinverantwortungs-"Anspruch an mich gehabt, gäbe es meine zwei Mäuse auch nicht.
Morgaine (anonym) - Sa, 20.08.05, 11:45
Webcat, kennst du auch diese Situation, dass eine kinderlose Frau oder ein Mann ohne eigene Kinder sich extra einen Termin im Kalender rot angestrichen haben und nun auf deine Brut ;-) aufpassen wollen, schweißgebadet ein 4-Stunden-Intensiv-Action-Programm absolvieren, immer in der Angst, auch ja alles richtig zu machen, nach diesem Kurzzeit-Erziehungsmarathon dann die Brut, die ein so ein merkwürdig diebisches Grinsen auf den Lippen trägt, wieder bei dir abliefern, dir über alle Maßen Bewunderung zollen, sich dann ganz schnell verabschieden und sich für die nächsten Wochen bei dir nicht mehr blicken lassen?

Der Mutter-Mythos nährt nicht erfüllbare Anspruchshaltungen und es ist kein Wunder, dass viele es lieber gleich bleiben lassen, wie ja auch schreibst.
ich habe mal meine Rolle als Mutter so beschrieben: Die Aufgabenteilung in der Kindererziehung ist vergleichbar der Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers: Ich bestimme die Richtlinien, die Fachressorts übernehmen andere.
Morgaine - Sa, 20.08.05, 11:49
Upss, das war jetzt zu schnell abgeschickt. Die "Bearbeiten"-Funktion für den letzten Kommentar ist leider nicht aktiviert. Nun müssen die Fehler halt bleiben.
Webcat72 - Sa, 20.08.05, 12:02
Richtlinienkompetenz haben bei uns Papa und Mama gemeinsam, aber rutscht leider immer mehr zu mir. Hätte das gerne anders beibehalten ... . Da ist der Wunsch das eine, die Realitäten das andere (Papa hat am Anfang noch studiert, da war er der Hauptchef für den Zwerg ...). Ich lehne mich immer noch auf, frage mich aber, wie lang ich das durchhalte; alle Winde immer noch - oder wieder stärker - gegen Dich als Mutter im Prinzip ... . Wenn was schief geht, zeigt jeder auf Dich (!! bis auf meinen Mann glücklicherweise, sonst wäre es ne Don Quichote-Nummer ...). Man bemerkt schon meinen Kampf im Moment, an diesem Text, glaube ich. Tut gut, sich das mal von der Seele zu schreiben ... .
liljan98 - Sa, 20.08.05, 14:24
Klappt das vielleicht jetzt mit dem Bearbeiten der Kommentare? Sorry, bin noch neu hier und finde es klasse, wie sehr man sein Blog an die eigenen Layout und Ordnungs Vorstellungen anpassen kann. Aber manchmal wird's doch etwas kompliziert...
kinomu - Sa, 20.08.05, 20:31
Frau Morgaine war beim Veröffentlichen des oberen Kommenaters nicht eingeloggt, deshalb lässt er sich nicht mehr bearbeiten. Mit den Einstellungen hat das nur insofern zu tun, als so etwas nicht passieren kann, wenn anonymes Kommentieren nicht möglich ist.
liljan98 - Sa, 20.08.05, 20:36
für die Erklärung!
creature - Sa, 20.08.05, 12:46
schöne heile welt in der dieser finanzminister lebt, so gesehen bleiben wir auch ein lebenlang gesund, haben immer arbeit und das geld geht nie aus.
leider passt es mit den tatsachen nicht zusammen, allein in meiner familiengeschichte zurückblickend gabs kriege, seuchen, früh verstorbene und viele kinder die plötzlich niemanden mehr hatten und unter den bauern als billige knechte und mägde aufgeteilt wurden.
das sind alles so "schöne welt" entwürfe wie sichs auch die islamisten erträumen, würden endlich alle die gesetze allahs befolgen, oder der traum der kommunisten die das paradies auf erden schaffen wollten!
Morgaine (anonym) - Sa, 20.08.05, 13:07
Den Fingerzeig kenne ich gut, kennt wahrscheinlich jede Mutter. Einerseits ist er Folge des o.g. Mutter-Mythos, andererseits benutzen ihn gerne die Trittbrettfahrer des Mutter-Mythos. Dazu zähle ich manche weniger weissen Schafe aus den Beratergilden, die vom schlechten Gewissen der Mütter leben, welche leider immer noch am Mythos Mutter kleben. Manchmal ist halt doch ein kurzes und knappes "Maul halten!" angebracht. Obwohl: Im stillen Kämmerlein zu Hause wurmt es dann doch ungemein, erst der Blick auf die feministische Hausbibliothek inklusive feministischer Theologie beruhigt einen da ein wenig... Es soll ja zum Beispiel auch reformpädagogische Falschspieler und Lehrer geben, die sich dieses Instruments bedienen. Keine weitere Stellungnahme hier, nur so viel: Mütter haben manchmal ein Elefantengedächtnis und bloggen ... Webcat, ich merke gerade, auch meine Finger verkrampfen sich beim Thema ...
Webcat72 - Sa, 20.08.05, 14:20
Brave New World, oder doch mehr Report der Magd ;-)
moccalover - Sa, 20.08.05, 13:27
Dieses "zuhause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland" ist, da sind sich hier wohl alle einig, widerwärtig, verbraucht, missbraucht. Wer bestimmte historisch-soziologische Konstellationen, wie bspw. die bürgerliche Kleinfamilie, zum absolut Natürlichen erhebt, das ewig besser und ewig richtig sei, der verkennt die Vielfalt und Veränderung des Gewesenen und des Kommenden. Im Übrigen ist das ja ein klassischer naturalistischer Fehlschluss, wie er von Evolutionspsychologen derzeit wieder modernisiert wird: Die Natur ist so und so, darum müssen wir Menschen uns so und so verhalten. Die Frau gebärt, darum muss sie auch zuhause bleiben. Bei den Höhlenbewohnern war es so und so (woher wissen wir denn so genau Bescheid über Soziologie und Psychologie der Höhlenbewohner?), darum ist das in unseren Genen, und wir haben uns dem zu fügen. Der Extremismus, und so auch der konservative Kleinfamilienextremismus, hält sich immer eine Türe offen: Wenn es in der Welt Probleme gibt, und der Verdacht aufzukommen droht, dass gerade eine der geläufigen Utopien eine Problemursache sein könnte, dann wehren sich die entsprechenden Utopisten damit, dass sie entgegenhalten, dass der Utopie eben zu wenig nachgelebt werde. Das hilft auch vielen religiös Fanatischen. Wenn die Kleinfamilie bröckelt und an den sich ändernden und an den gleichbleibenden Realitäten zerschellt, dann soll nicht etwa sie problematisch gewesen sein, nein, man hat sich zuwenig an das Konzept von "Mutter-zuhause!" gehalten und soll das nun gefälligst wieder tun.

Unbestritten brauchen Kinder Wärme, Geborgenheit, Zugehörigkeit, Stabilität. Soweit stimmt der Spruch, den ich am Anfang zitiert habe. In welchen Formen die Kinder das aber erfahren, scheint mir weniger wichtig, solange es geschieht. Die Form der Kinderaufzucht alleine garantiert niemals schon den richtigen Inhalt, gerade die isolierte Kleinfamilie, die zusammenbleibt, hat sich schon so oft als Käfig der Tyrannei entpuppt, in dem die Kinder hilflos ausgeliefert sind, weil sie mangels anderer tragfähiger Bezugspunkte daraus nicht ausbrechen können.
Webcat72 - Sa, 20.08.05, 14:10
... das was es den Utopisten so einfach macht, ist, dass sich ihre (Dis?-)Utopie niemals widerlegen kann, weil sie nie in Reinform gelebt werden wird .... und so lebte sie immer und ewig bis an das Ende der Zeiten, mal im Trend, mal unten, aber immer existent ...
creature - Sa, 20.08.05, 15:36
war ja auch das dritte reich so eine utopie die heute noch viele geheime anhänger hat, und schuld das es nicht funktionierte hatten natürlich die allierten kräfte....., und die islamisten geben uns die schuld das sie ihr reich nicht aufbauen können, für die palestinenser sinds die israelis und für oshoanhänger ware es der cia.
so einfach scheint die welt erklärt zu sein!
Webcat72 - Sa, 20.08.05, 15:46
... ist doch prima, wenn immer klar ist, wer Schuld hat. Ist mans nie selber ...
moccalover - Sa, 20.08.05, 16:11
Es gibt im Menschen schon einen starker Drang danach, sicher zu wissen, was gut und recht, und was böse ist. Verlockend, immer wieder. Und niemand kommt ganz ohne Orientierung, ohne zeitweilige Stabilität aus. Überzeugungen erlangen und sie gleichzeitig bekämpfen, wenn sie allzu selbstherrlich werden, das ist ein harter Kampf.

Sie haben völlig recht, es kann immer argumentiert werden, dass es geklappt hätte, wenn nur... oder dass dies und jenes funktionieren würde, wenn nur... Schwerer ist es, nicht immer das Ideal über die Abkürzung anstreben zu wollen. Denn dann kann man sich beim Versagen nicht mehr darauf berufen, dass es nur daran gelegen habe, dass man (natürlich unverschuldeterweise) nur zu wenig konsequent war.

A propos Islam: Wenn man nur radikal genug ist, kann man auch bspw. Saudiarabien als laizistisch bezeichnen und daraus ableiten, dass dieses Land besser dran wäre, wenn nur der Religion ihr richtiger Stellenwert eingeräumt würde.
wvs_at_re-actio.com - Sa, 20.08.05, 19:29
daß sich letztlich Alle über grundsätzliche Punkte einig sind:
  • Familie hat sich gewandelt und entspricht nicht mehr nur einem Modell;
  • Rollenverteilung in Familien (definiert auch als "Lebensgemeinschaften") hat sich gewandelt;
  • Alle Erwachsenen in einer Familie / Großfamilie tragen die gleiche Verantwortung;
  • Kinder brauchen - neben materieller - vor allem seelische Stabilität, Geborgenheit;
  • Festhalten an Tradition ist an sich nichts Schlechtes, es muß nur den Gegebenheiten angepaßt werden;
  • Schuld bei Anderen zu suchen ist zwar menschlich, aber falsch.
Webcat72 - Sa, 20.08.05, 19:41
Schöne Diskussion, schöne Zusammenfassung. Auch wenn ich persönlich die Traditionen nicht ganz so positiv formulieren würde. Mehr in Richtung "Anpassung an Traditionen darf nicht mehr erzwungen werden". Oder "Traditionen dürfen hinterfragt werden."

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